Die Rentenlüge: Warum nicht die Demografie, sondern die Verteilung das Problem ist

Bild von Maurice Höfgen

Eine kritische Auseinandersetzung mit den drei großen Mythen der deutschen Rentendebatte

Die Erzählung, die alles erklären soll

Kaum ein wirtschaftspolitisches Thema wird in Deutschland so monoton diskutiert wie die Rente. Die Schlagzeilen ähneln sich seit Jahrzehnten: „Generationenvertrag vor dem Aus", „Die Jungen zahlen für die Alten", „Rentensystem kollabiert". Hans-Werner Sinn warnt in der Welt vor zu wenig Kindern, die Junge Union fordert ein niedrigeres Rentenniveau, AfD-Politiker werben gar für Babyprämien als demografisches Heilmittel.

Diese Diagnose hat sich in den öffentlichen Diskurs eingebrannt — und genau das ist das Problem. Denn sie ist in zentralen Punkten falsch. Wer die Zahlen ernst nimmt, sieht ein anderes Bild: Das Rentensystem kollabiert nicht, die jüngere Generation wird nicht erdrückt, und mehr Kinder lösen das vermeintliche Problem nicht. Stattdessen wird ein Verteilungskonflikt als demografische Naturkatastrophe verkauft. Höchste Zeit, drei zentrale Narrative zu zerlegen.

Narrativ 1: „Die Jungen können die Alten nicht mehr bezahlen"

Das demografische Argument klingt mathematisch zwingend: Immer weniger Erwerbstätige finanzieren immer mehr Rentner — das müsse zusammenbrechen. In dieser Logik wird der sogenannte Altenquotient zum Schreckgespenst: das Verhältnis der über 65-Jährigen zu den 20- bis 64-Jährigen. Tatsächlich verschiebt sich dieses Verhältnis seit 1950 kontinuierlich.

Doch die Rechnung ist unvollständig. Eine Volkswirtschaft muss nicht nur ihre Rentner versorgen, sondern auch ihre Kinder und Jugendlichen. Entscheidend ist deshalb nicht der Altenquotient, sondern der Gesamtquotient: das Verhältnis der gesamten nicht-erwerbstätigen Bevölkerung — Junge plus Alte — zu den Erwerbsfähigen.

Und hier wird es interessant: Während der Altenquotient steigt, ist der Jugendquotient seit Jahrzehnten gefallen. Beide Effekte gleichen sich teilweise aus. Bezieht man zusätzlich die bereits beschlossene Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre ein, ergibt sich nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts ein bemerkenswertes Resultat: Bezieht man die bereits beschlossene Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre ein, fällt der Anstieg des Gesamtquotienten deutlich moderater aus als die Schlagzeilen über den Altenquotienten suggerieren. Während der Altenquotient (Personen ab 65 je 100 Erwerbsfähige) von 39 (2024) auf 57 (2070) steigt, wächst der Gesamtquotient — der auch die zurückgehende Zahl der unter 20-Jährigen einbezieht — laut der 16. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung nur um etwa 23 Prozent. Mit der höheren Altersgrenze von 67 Jahren liegt das Belastungsverhältnis 2070 nicht weit über dem Niveau der 1970er-Jahre — einer Zeit, in der die Versorgung der nicht-erwerbstätigen Bevölkerung kein gesellschaftliches Problem war.

In den 1970er Jahren war es selbstverständlich möglich, die nicht-erwerbstätige Bevölkerung zu versorgen — bei deutlich geringerem Wohlstandsniveau und niedrigerer Produktivität als heute. Warum sollte das in 45 Jahren plötzlich unmöglich sein, mit einer Wirtschaftsleistung pro Kopf, die das 2,4-fache des Werts von 1970 beträgt?

Die ehrliche Antwort lautet: Die gesamtwirtschaftliche Last bleibt ungefähr gleich. Sie verteilt sich nur anders — weniger Kinderbetreuung, dafür mehr Pflege und Rente. Aber sie ist nicht überwältigend. Der „Generationenkollaps" ist eine rhetorische Konstruktion, kein arithmetisches Schicksal.

Narrativ 2: „Wir bekommen zu wenig Kinder"

Wenn das System angeblich an zu wenig Nachwuchs scheitert, dann müssten mehr Kinder die Lösung sein — so argumentieren konservative Ökonomen wie Sinn ebenso wie rechte Populisten mit Babyprämien-Forderungen. Doch dieses Argument widerspricht sich selbst.

Kinder sind in den ersten gut zwanzig Jahren ihres Lebens finanziell abhängig. Sie müssen ernährt, betreut, ausgebildet werden — durch ihre Familien und durch die öffentliche Hand. Kindergeld, KiTa-Plätze, Schulen, Universitäten, Ausbildungsförderung, Elternzeit-Leistungen: Die Kosten, die ein Kind verursacht, bevor es selbst Steuern und Beiträge zahlt, sind enorm. Plausible Schätzungen kommen sogar zu dem Ergebnis, dass Kinder die öffentliche Hand stärker belasten als Rentner.

Das heißt nicht, dass Kinder unerwünscht wären — im Gegenteil. Aber als kurzfristige Antwort auf eine angebliche Rentenkrise sind sie ungeeignet. Wer heute fordert, mehr Kinder zu zeugen, um in 25 Jahren mehr Beitragszahler zu haben, verschärft das Finanzierungsproblem zunächst um zwei bis drei Jahrzehnte. Selbst in der Logik der Demografie-Apokalyptiker ist „mehr Kinder" also keine Lösung — sondern erst einmal eine Verschärfung.

Hinzu kommt: Der schnellere und ökonomisch wirksamere Weg, das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Abhängigen zu stabilisieren, ist eine kluge Migrationspolitik. Migration bringt Menschen, die in der Regel sofort dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen — ohne 20 Jahre Ausbildung von der öffentlichen Hand finanziert werden zu müssen. Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet jene politischen Kräfte, die am lautesten vor dem demografischen Untergang warnen, gleichzeitig am vehementesten gegen Einwanderung mobilisieren. Der Widerspruch ist offensichtlich — und er entlarvt, dass es bei der Demografie-Rhetorik oft gar nicht um die Rente geht.

Narrativ 3: „Das Rentensystem kollabiert"

Der angekündigte Kollaps ist seit den 1980er Jahren in jedem Jahrzehnt aufs Neue prophezeit worden. Eingetreten ist er nicht. Was sich tatsächlich verändert hat, ist nicht die Tragfähigkeit des Systems, sondern die Verteilung dessen, was die deutsche Volkswirtschaft erwirtschaftet.

Bis in die späten 1980er Jahre wuchsen Löhne und Renten in Deutschland weitgehend im Gleichschritt mit der Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung. Wenn die Wirtschaft produktiver wurde, stiegen Einkommen und Renten mit. Der wirtschaftliche Fortschritt kam in der Breite der Bevölkerung an.

Dann kam der Bruch. Die Agenda 2010, der Niedriglohnsektor, die Riester-Reform, die Aussetzung der Rentendynamik, eine politisch gewollte Lohnzurückhaltung im Namen der „Wettbewerbsfähigkeit": All das führte zu einer doppelten Entkopplung. Die Löhne lösten sich vom Wirtschaftswachstum, die Renten von den Löhnen. Während die Wirtschaftsleistung pro Kopf weiter wuchs, blieb die Kaufkraft vieler Beschäftigter — vor allem in unteren Einkommensgruppen — über Jahrzehnte praktisch unverändert.

Wo ist das produzierte Geld stattdessen hingeflossen? In Profit- und Vermögenseinkommen. Die Lohnquote (also der Anteil der Löhne am Volkseinkommen) ist gesunken, die Gewinnquote gestiegen. Vermögen konzentrieren sich in Deutschland so stark wie in kaum einem anderen Land Westeuropas. Das ist keine Naturgewalt — das ist das Ergebnis von politischen Entscheidungen.

Das Rentensystem kollabiert also nicht unter demografischer Last. Es wird unter einer Verteilungslast geschwächt, die in der öffentlichen Debatte systematisch unsichtbar gemacht wird. Wer heute behauptet, „wir können uns die Rente nicht mehr leisten", meint nicht die Volkswirtschaft als Ganzes — sondern eine Verteilungsstruktur, in der die Zuwächse oben verbleiben, während unten gekürzt werden soll.

Wem nützt das Narrativ?

Die ständige Inszenierung eines Generationenkonflikts hat eine politische Funktion. Sie lenkt die Aufmerksamkeit weg von der eigentlichen Konfliktlinie. Die Frage ist nicht: Jung gegen Alt. Die Frage ist: Arbeit gegen Vermögen.

Wenn die Junge Union das Rentenniveau weiter senken will, „im Interesse der Jungen", begeht sie einen ökonomischen Schildbürgerstreich. Denn niedrigere Renten bedeuten:

  • Niedrigere künftige Rentenansprüche der heute Jungen selbst.
  • Geringere Kaufkraft im Inland — und damit weniger Nachfrage.
  • Weniger Investitionen, weniger Wachstum, weniger gut bezahlte Jobs.
  • Mehr Druck zu privater Altersvorsorge, deren Risiken (siehe Riester-Debakel) die Beschäftigten allein tragen.

Die jüngere Generation wird nicht durch zu hohe Renten ihrer Eltern bedroht. Sie wird durch eine Politik bedroht, die ihr suggeriert, Wohlstand entstehe durch Verzicht — und gleichzeitig die Vermögenskonzentration weiter wachsen lässt.

Was wäre tatsächlich zu tun?

Die Probleme der Vergangenheit lassen sich nicht ungeschehen machen. Die Lohnzurückhaltung der 2000er, die Aushöhlung der Rentenformel, die Etablierung des Niedriglohnsektors: All das hat Spuren hinterlassen. Aber es gibt Hebel, mit denen sich die Folgen mildern lassen.

Erstens: Die Beitragsbemessungsgrenze anheben. Wer mehr verdient, sollte auch mehr einzahlen. Eine Höchstrente würde verhindern, dass Spitzeneinkommen unbegrenzte Ansprüche aufbauen. Das wäre eine Korrektur jener Lohnspreizung, die seit den 1990er Jahren auseinandergedriftet ist.

Zweitens: Vermögen und Unternehmensgewinne stärker besteuern. Aus diesen Mitteln ließen sich niedrige Renten gezielt aufstocken — eine Rückführung jener Verteilung, die in den letzten Jahrzehnten zulasten der Beschäftigten stattgefunden hat.

Drittens: Die Rentenanpassung wieder an die Produktivität koppeln. Wenn Löhne und Renten dauerhaft hinter dem Wirtschaftswachstum zurückbleiben, schwächt das nicht nur die Betroffenen, sondern die gesamtwirtschaftliche Nachfrage.

Viertens: Eine kluge, langfristige Migrationspolitik. Sie wirkt auf das tatsächlich relevante Verhältnis von Erwerbstätigen zu Abhängigen unmittelbar — anders als die Kindergeburten von heute, deren Effekte erst in zwei Jahrzehnten messbar wären.

Fünftens: Das Rentenniveau stabilisieren statt absenken. Nur so lässt sich verhindern, dass Millionen Menschen aus Angst vor Altersarmut in Zwangssparen getrieben werden — was wiederum Nachfrage und Wachstum schwächt.

Fazit: Der Kuchen ist groß genug

Die deutsche Volkswirtschaft ist heute mehr als doppelt so produktiv wie vor 50 Jahren. Es gibt keinen ökonomischen Grund, warum eine Gesellschaft, die in den 1970er Jahren bei deutlich niedrigerem Wohlstand selbstverständlich für Junge und Alte sorgen konnte, das heute nicht mehr leisten könnte. Die Mathematik der Demografie sagt nicht, dass das System zusammenbrechen muss. Sie sagt nur, dass eine andere Verteilung nötig ist.

Wer dagegen die Rentendebatte als Kampf zwischen Jung und Alt inszeniert, betreibt Nebelkerzenpolitik. Er stellt sich nicht auf die Seite der jungen Generation — sondern auf die Seite der Vermögenden, deren Anteile am gesellschaftlichen Reichtum nicht angetastet werden sollen.

Das eigentliche Risiko für die Zukunft der Jüngeren sind nicht ihre Eltern und Großeltern. Es ist eine Politik, die glaubt, Wohlstand entstehe durch Verzicht — und die seit Jahrzehnten daran arbeitet, einen Verteilungskonflikt als demografisches Schicksal zu tarnen.

Der Kuchen ist groß genug. Es geht nur darum, wer ihn bekommt.