Nicht die Solaranlage überlastet das Netz – die Drei-Milliarden-Zahl schon

Wenn viel Sonne scheint, warnen Netzbetreiber und Teile der Politik oft vor überlasteten Stromnetzen. Zwei aktuelle Fälle zeigen: Diese Warnung steht auf wackligeren Füßen, als es scheint. Der Chef der Speicherfirma E3/DC widerlegt mit eigenen Messdaten die Überlastungs-These fürs Ortsnetz. Und ein zentrales Argument der Bundeswirtschaftsministerin für ein neues Gesetzespaket wurde von mehreren Faktencheckern als irreführend eingestuft.

Was gemessen wurde

E3/DC ließ am Pfingstwochenende 2026 die Netzspannung an 110.000 Solaranlagen auswerten, verteilt über rund 80 Prozent aller deutschen Ortsnetze. Das Ergebnis: Die Anlagen wurden nur im Promillebereich abgeregelt. Selbst an diesem besonders sonnigen und verbrauchsarmen Feiertag lag die "Kritikalität" der Netze nur bei 10 bis 20 Prozent.

Konkret bei den Spannungswerten: 80 Prozent der Anschlüsse zeigten keine erkennbaren Probleme, 18 Prozent lagen im oberen Warnbereich, und nur 0,15 Prozent überschritten den kritischen Grenzwert von 253 Volt.

Die Erklärung von E3/DC: Ein Großteil des Solarstroms bleibt in der Nachbarschaft, wird von Häusern, Wärmepumpen, Elektroautos oder Nachbarn ohne eigene Anlage verbraucht. Bereits am Pfingstwochenende selbst blieben nach dieser Auswertung rund 80 bis 90 Prozent des Solarstroms im jeweiligen Ortsnetz. Über das Jahr gerechnet, schätzt das Unternehmen den Anteil auf rund 95 Prozent. Das wird als ein unfreiwilliges, aber funktionierendes Energy Sharing beschrieben.

Selbst an einem Rekordtag kein Engpass im Ortsnetz

Am Pfingstwochenende erzeugten deutsche Solaranlagen zeitweise rund 46 Gigawatt, während nur etwa 41 Gigawatt verbraucht wurden – ein Szenario, das normalerweise als Beleg für Netzüberlastung gilt. Die Auswertung zeigt: Der Überschuss wurde größtenteils lokal aufgenommen, nicht flächendeckend in die Netze gedrückt.

Die Schlussfolgerung: Nicht die kleinen Dachanlagen sind das Problem, sondern fehlende Messdaten bei Netzbetreibern und zu wenige regelbare Ortsnetztransformatoren – die gibt es aktuell nur in rund 2 Prozent der Ortsnetze.

Einordnung: Wessen Daten sind das?

E3/DC verkauft Batteriespeicher und Energiemanagement-Systeme – Produkte, die genau dann profitieren, wenn auf intelligente Steuerung statt auf teuren Netzausbau gesetzt wird. Die Messmethode ist trotzdem seriös: 110.000 reale Messpunkte über vier Fünftel der deutschen Ortsnetze sind eine breite Datenbasis, keine anekdotische Behauptung. Eine unabhängige Prüfung durch die Bundesnetzagentur oder eine Hochschule steht allerdings noch aus.

Reiches Behauptung: "Strom für drei Milliarden Euro weggeworfen"

Parallel dazu bereitet Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) ein sogenanntes Netzpaket vor. Es soll Betreibern von Wind- und Solaranlagen künftig die Entschädigung streichen, wenn sie wegen Netzengpässen abgeregelt werden. Zur Begründung veröffentlichte ihr Ministerium im März 2026 ein Video mit dem Satz: "Jedes Jahr wird Strom für drei Milliarden Euro einfach weggeworfen."

Die Faktenchecker von Correctiv haben diese Aussage geprüft und mit "größtenteils falsch" bewertet. Die tatsächlichen Zahlen laut Bundesnetzagentur:

PostenBetrag (2024)
Gesamtkosten Netzengpassmanagement (Redispatch)ca. 2,8 Milliarden Euro
davon: Einsatz fossiler Ersatzkraftwerkeca. 1,1 Milliarden Euro
davon: Reservekraftwerke ("Winterreserve")ca. 1 Milliarde Euro
Entschädigung für abgeregelte erneuerbare Anlagenca. 554 Millionen Euro

Die drei unteren Posten summieren sich nicht exakt zur Gesamtsumme von 2,8 Milliarden Euro; die Differenz von rund 146 Millionen Euro ist im Correctiv-Faktencheck nicht weiter aufgeschlüsselt.

Strom wird laut Bundesnetzagentur nicht "weggeworfen", sondern bei Engpässen geografisch umverteilt: Anlagen vor dem Engpass drosseln, Kraftwerke dahinter fahren hoch. Der tatsächlich nicht eingespeiste erneuerbare Strom kostete also rund ein Fünftel dessen, was Reiche behauptete. Zum Vergleich: Laut Fraunhofer ISE sparen erneuerbare Energien insgesamt deutlich mehr Geld, als sie durch Abregelung kosten – ohne sie wäre der Strompreis 2024 rechnerisch rund 1,5 Cent pro Kilowattstunde teurer gewesen.

Strom wird laut Bundesnetzagentur nicht "weggeworfen", sondern bei Engpässen geografisch umverteilt: Anlagen vor dem Engpass drosseln, Kraftwerke dahinter fahren hoch. Der tatsächlich nicht eingespeiste erneuerbare Strom kostete also rund ein Fünftel dessen, was Reiche behauptete. Zum Vergleich: Laut Fraunhofer ISE sparen erneuerbare Energien insgesamt deutlich mehr Geld, als sie durch Abregelung kosten – ohne sie wäre der Strompreis 2024 rechnerisch rund 1,5 Cent pro Kilowattstunde teurer gewesen.

Warum das mehr als ein Zahlendreher ist

Reiches Drei-Milliarden-Zahl ist keine Randnotiz, sondern die zentrale Begründung für ein konkretes Gesetzesvorhaben. Wenn Anlagenbetreiber in Zukunft keine Entschädigung mehr für abgeregelten Strom bekommen sollen, weil angeblich "Strom weggeworfen" wird, dann steht diese Reform auf einer Zahl, die um den Faktor fünf zu hoch ist. Kritiker – bis hin zum RWE-Chef, der den Entwurf "absurd" nannte – befürchten deshalb, dass das Paket den Ausbau der Erneuerbaren bremst, ohne das eigentliche Problem zu lösen: den zu langsamen Netzausbau.

Hier trifft sich die Kritik mit den E3/DC-Daten: Beide legen nahe, dass die politische Debatte die Ursachen falsch verortet. E3/DC zufolge liegt das Problem selten im Ortsnetz bei kleinen Dachanlagen. Der Correctiv-Faktencheck zeigt, dass ein zentrales Kostenargument der Reform überzeichnet ist. Das ist eine begründete Kritik an der Faktengrundlage der Gesetzgebung.

Was jetzt sinnvoll wäre

  • Regelbare Ortsnetztransformatoren gezielt dort nachrüsten, wo tatsächlich Engpässe gemessen werden, statt pauschal Leitungen auszubauen.
  • Den Smart-Meter-Rollout beschleunigen: Aktuell warten laut E3/DC rund 80 Prozent der Kunden noch auf ihr Gerät, was auch genauere Messungen verhindert.
  • Gesetzesvorhaben wie das Netzpaket auf Basis der korrigierten Zahlen neu bewerten, statt auf der widerlegten Drei-Milliarden-Zahl aufzubauen.

Fazit

Zwei unabhängige Stränge stützen sich gegenseitig: Belastbare Messdaten sprechen gegen eine flächendeckende Überlastung der Ortsnetze durch kleine Solaranlagen. Und ein zentrales Kostenargument für ein geplantes Gesetz wurde von mehreren Faktencheckern widerlegt. Beides zusammen ergibt einen begründeten Verdacht, dass die aktuelle Netzpolitik an wichtigen Stellen von falschen Annahmen ausgeht.

Quellen

  • n-tv.de: "E3/DC-Chef Piepenbrink: 'Die Energiewirtschaft sagt, das Ortsnetz sei überlastet – das stimmt nicht'"
  • pv magazine Deutschland, 15.06.2026: "Diskussion um Photovoltaik-Zubau: 'Der Solarstrom versickert im Ortsnetz'" (vollständiges Interview mit Andreas Piepenbrink)
  • Das Verbraucherschutzforum, 12.09.2026: "Solarstrom überlastet das Netz? E3/DC-Chef widerspricht und kritisiert milliardenteuren Netzausbau"
  • Correctiv Faktencheck, 23.03.2026: "Strom für drei Milliarden Euro 'weggeworfen'? Katherina Reiches Äußerung ist irreführend"
  • Bundesnetzagentur / SMARD: Zahlen zu Netzengpassmanagement und Redispatch-Kosten 2024