Drei Länder, drei Wege, wie der Staat Wohnen bezahlbar machen wollte — nur einer ging nach hinten los
Fördern ist nicht gleich fördern
Im vorherigen Teil dieser Serie haben wir gezeigt, dass staatliches Eingreifen in Wohnungskrisen historisch notwendig war. Diesmal geht es um die Frage, die danach kommt: Mit welchen konkreten Instrumenten hat der Staat gefördert, und welche Förderphilosophie hat sich langfristig bewährt?
Deutschland 1950/1956: Zwei Förderwege parallel
Das Erste und Zweite Wohnungsbaugesetz, die wir im zweiten Teil dieser Serie bereits mit ihren beeindruckenden Zahlen vorgestellt haben, setzten nicht auf ein einziges Förderinstrument, sondern auf zwei parallele Wege.
Der erste Förderweg richtete sich an den klassischen sozialen Wohnungsbau: öffentliche Mittel und Bürgschaften für Bauherren, die im Gegenzug nur eine begrenzte Kostenmiete verlangen durften und ihre Wohnungen an Haushalte unterhalb bestimmter Einkommensgrenzen vergeben mussten. Der zweite, weniger bekannte Weg richtete sich an frei finanzierten Wohnungsbau: Hier gab es keine direkten Zuschüsse, sondern steuerliche Vorteile, insbesondere erhöhte Abschreibungsmöglichkeiten nach § 7b Einkommensteuergesetz. Wer privat baute, konnte die Baukosten steuerlich schneller geltend machen als üblich.
Diese Kombination aus direkter Förderung für einkommensschwache Haushalte und steuerlichen Anreizen für private Investoren gilt bis heute als eine der Grundstrukturen, an denen sich spätere Förderprogramme orientierten.
Norwegen: Der Staat als Kreditgeber statt als Bauherr
Norwegen wählte einen strukturell anderen Ansatz. Statt Sozialmietwohnungen zu bauen, förderte der Staat systematisch den Weg ins Wohneigentum, über die staatliche Wohnungsbank Husbanken. Sie vergibt zinsgünstige Kredite und Zuschüsse vor allem an junge Familien und Erstkäufer, ergänzt durch steuerliche Erleichterungen beim Immobilienerwerb.
Das Ergebnis lässt sich in einer einzigen Zahl zusammenfassen: Norwegen hat mit 79,2 Prozent die höchste Wohneigentumsquote unter den westeuropäischen Ländern. Bemerkenswert dabei: Auch Norwegen startete nach dem Krieg zunächst mit klassischem Mietwohnungsbau, weil Millionen Menschen akut obdachlos waren. Die Umstellung auf Eigentumsförderung kam erst später, als sich die akute Notlage gelegt hatte.
Lehre: Der Staat muss nicht selbst bauen oder vermieten, um Wohnungsnot zu lindern. Er kann auch als Finanzierungspartner auftreten und Menschen den Weg ins Eigentum ebnen, mit messbarem Erfolg.
Spanien: Dasselbe Ziel, ganz andere Motive, ganz andere Folgen
Auf den ersten Blick verfolgte auch Spanien unter Franco eine Politik der Eigentumsförderung, mit dem staatlichen Sozialwohnungsprogramm VPO (Vivienda de Protección Oficial) ab 1954. Doch die Motivlage war eine völlig andere. Francos Wohnungsbauminister José Luis Arrese formulierte es unverblümt: Spanien solle eine "Nation der Eigentümer" werden, nicht der Proletarier. Eigentum diente hier nicht in erster Linie der sozialen Absicherung, sondern der politischen Befriedung.
Lehre: Eigentumsförderung wirkt nur dann nachhaltig, wenn sie auf soziale Ziele ausgerichtet ist und die Preisbindungen lange genug laufen. Als reines Herrschaftsinstrument mit kurzer Bindungsfrist verpufft der soziale Nutzen, wie das spanische Beispiel zeigt.
Drei Philosophien im Überblick
| Land | Förderinstrument | Ziel | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| Deutschland (1950/56) | Kostenmiete + steuerliche Abschreibung (§7b EStG) | Sozialer Ausgleich UND privater Anreiz | 3,1 Mio. Wohnungen 1951–56, Zielübertreffung |
| Norwegen | Staatliche Kreditbank (Husbanken) | Breite Eigentumsbildung | 79,2 % Eigentumsquote, höchste in Westeuropa |
| Spanien (Franco-Ära) | VPO-Sozialwohnungen mit kurzer Bindung | Politische Befriedung durch Eigentum | Nur 3,3 % Sozialwohnungsanteil heute, eine der niedrigsten in Europa |
Die Gegenüberstellung zeigt: Nicht das Ziel Eigentumsförderung an sich entscheidet über Erfolg oder Scheitern, sondern die Ausgestaltung. Norwegen und Spanien wollten beide mehr Wohneigentum schaffen. Nur Norwegen hat daraus ein stabiles System gemacht, weil die Förderung sozial und langfristig angelegt war, statt kurzfristig politisch motiviert.
Im nächsten Teil schauen wir uns an, wie kommunaler und genossenschaftlicher Wohnungsbau als dritter Weg funktioniert, jenseits von Sozialmiete und Eigentumsförderung, mit Beispielen aus dem Roten Wien, Schweden und der deutschen Genossenschaftsbewegung.
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