Der Markt hätte die Wohnungsnot nie gelöst — das haben wir nur vergessen

Baupolitik

Wer glaubt, der freie Markt löst irgendwann jede Wohnungsnot von selbst, sollte einen Blick in die deutsche Geschichte werfen. Nach jedem großen Einbruch war es der Staat, der eingriff, nicht der Markt. Und die Zahlen zeigen: Es hat funktioniert.

Eine unbequeme Wahrheit für Marktgläubige

In der aktuellen Debatte hört man oft: Der Staat soll sich zurückhalten, dann regelt der Markt den Rest. Historisch betrachtet ist das eine gewagte These. In jeder der großen deutschen Wohnungskrisen war es gerade nicht der freie Markt, der die Wende brachte, sondern gezieltes staatliches Handeln.

1919: Der Staat greift in Notwehr ein

Schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg zeigte sich das Muster. Die Verordnung zur Behebung der dringendsten Wohnungsnot von 1919 erlaubte dem Staat, in privates Grundeigentum einzugreifen, um Wohnraum zu schaffen. Der Markt allein hatte in der Nachkriegszeit keine Antwort auf die Wohnungsnot gefunden, private Bautätigkeit lag praktisch brach.

1950: Die größte Wohnungskrise der deutschen Geschichte – und ihre Lösung

Das eindrücklichste Beispiel liefert die junge Bundesrepublik. Bei ihrer Gründung 1949 standen 14,6 Millionen Haushalten nur 9,4 Millionen Wohnungen gegenüber, einschließlich sämtlicher Notunterkünfte. Millionen Menschen waren durch Kriegszerstörung oder Vertreibung obdachlos. Das war keine graduelle Verknappung, sondern eine humanitäre Notlage historischen Ausmaßes.

Am 28. März 1950 verabschiedete der Bundestag einstimmig das Erste Wohnungsbaugesetz. Das Ziel war ambitioniert: Innerhalb von sechs Jahren sollten 1,8 Millionen Sozialwohnungen entstehen. 1953 wurde das Ziel sogar auf 2 Millionen angehoben.

Was tatsächlich geschah: Zwischen 1951 und 1956 entstanden 3,1 Millionen Wohnungen, davon 1,8 Millionen öffentlich gefördert. Das eigentliche Ziel wurde damit weit übertroffen. Über das gesamte Jahrzehnt finanzierte der Bund im Rahmen des Gesetzes insgesamt 3,7 Millionen Wohnungen.

Warum konnte der Markt das nicht allein leisten? Die Antwort ist ökonomisch simpel: Der Kapitalmarkt lag nach dem Krieg praktisch brach. Die wenigen verfügbaren privaten Mittel flossen bevorzugt in Industrie und Handel, wo sich schneller Gewinn erzielen ließ, nicht in den Wohnungsbau. Die klassische private Baufinanzierung, wie sie heute üblich ist, war schlicht nicht durchführbar. Erst der gezielte Einsatz öffentlicher Mittel, Bürgschaften und Steuervergünstigungen machte den Wiederaufbau in dieser Geschwindigkeit möglich.

Zur Einordnung der politischen Dimension: In der Hochphase des Wiederaufbaus machte die staatliche Wohnungsbauförderung zeitweise bis zu 50 Prozent des gesamten Bundeshaushalts aus. Das zeigt, welchen Stellenwert die Politik diesem Thema damals einräumte, weit über das hinaus, was heute diskutiert wird.

Das wiederkehrende Muster

Ob 1919 oder 1950: In beiden Fällen war die Ausgangslage dieselbe. Der private Kapitalmarkt hatte kein Interesse oder keine Möglichkeit, in ausreichendem Umfang in Wohnraum zu investieren. Erst als der Staat eingriff, mit Enteignungsrecht, öffentlichen Mitteln oder Steueranreizen, kam eine Dynamik in Gang, die den Wohnungsmangel tatsächlich reduzierte.

Das heißt nicht, dass jedes staatliche Instrument automatisch funktioniert. Wie die nächsten Teile dieser Serie zeigen, gibt es auch krachend gescheiterte staatliche Eingriffe. Aber die Grundannahme, der Markt löse Wohnungsnot am Ende von selbst, hält der deutschen Geschichte nicht stand.

Im nächsten Teil schauen wir uns an, mit welchen konkreten Instrumenten der Staat in der Vergangenheit versucht hat, überhaupt erst an Bauland zu kommen, und welche davon sich als tragfähig erwiesen haben.

 

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